Funken der Improvisation VON STEFAN DERSCHUM (Lippische Landeszeitung vom 28/29.06.03) Detmold. Plötzlich bricht das Chaos aus. Sechs Mädchen rennen in dem mit Parkett ausgelegten Raum, an den sich ein großer, runder Erker schmiegt, ungezügelt in alle Richtungen. »Durcheinander, durcheinander", spornt Mavi Frevert Cubas den Wirbel der Sechs- bis Zehnjährigen an. Die Eskalation dauert nur einige Sekunden und endet genauso plötzlich wieder mit zwei, drei Worten der gebürtigen Peruanerin, die seit sieben Monaten in Detmold lebt. Die Ankündigung einer kleinen Theaterimprovisation mit Hexen, Zwergen und einem Eichhörnchen fängt die Konzentration der sechs Kinder abrupt ein. Sie sind der Basiskursus I in der Theaterwerkstatt „La Semilla", die die 43-Jährige im Februar gegründet hat. "La Semilla" passt zu den Methoden der Schauspielerin, die an Theaterhochschulen im peruanischen Trujillo und in Barcelona studiert hat. Semilla heißt Samenkorn, und es scheint, als säe sie mit ihrem einnehmenden Enthusiasmus, der von einer geschulten Aufmerksamkeit begleitet wird, mit dezenten, zuweilen aber auch ausufernden Gesten und Worten tatsächlich etwas, das durch die Phantasie der Kleinen hindurch zu einer farbigen Kreativität heranwächst. Sie entdecken ihre Möglichkeiten - ohne die Vorgabe einer festgezurrten Rolle in einem festgeschriebenen Theaterstück. Die Improvisation triumphiert. „Eine Aufführung ist Nebensache", sagt Mavi Cubas dann auch in logischer Konsequenz, der anderthalb Stunden des Basiskursus, in denen keine Texte geprobt werden, keine Auftritte vorkommen, an denen gefeilt wird. "Die jungen Teilnehmerinnen sollen ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten erfahren und dadurch an Selbstbewusstsein gewinnen", beschreibt die Frau, die in Peru auch ein Grundstudium der Theaterpädagogik absolviert hat, die Ziele hinter dem Spiel. Sie versuche dabei, ihre Leidenschaft, etwas zu kreieren, auf die Kinder zu übertragen. Während die Neu-Detmolderin spricht, durchtreibt ein spanischer Dialekt ihre Sätze, verleiht ihnen eine Dynamik und Melodiösität, die sicherlich vielfach zitierte, aber bei Mavi Frevert Cubas exakt zutreffende Assoziationen von lateinamerikanischem Temperament wecken.
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Alles ist Bewegung bei der 43jährigen. Das gilt auch für ihr bisheriges Leben, in dem sie zwischen Südamerika, Spanien oder auch mal Norddeutschland hin- und herflippert. Ihre Beziehung zu Kindern ist dabei jedoch eine Konstante, die sie schwärmerisch erklärt: „Es ist ganz einfach großartig, mit ihnen Theater zu machen. Kinder sind dabei so glücklich, wenn sie etwas zeigen können. „ In Bacelona hat Mavi Frevert Cubas Kindern an der katholischen Schule „colegio Maristas“ das theater näher gebracht. In Hamburg war sie sechs Jahre lang Projektleiterin für Kindertheater am spanischen Kulturhaus. Anschließend „La Semilla“ in Detmold - eine Theaterwerkstatt mit verschiedenen Kursen für Kinder ab drei Jahren.Die des Basiskursus 1 für Kinder von sechs bis zwölf Jahren warten bereits ungeduldig in den hellen Räumen der Werkstatt mit ihren großen Fensterflächen, die das weiche Nachmittagslicht ungehindert passieren lassen. Auftritt Mavi. Zuerst schneidet sie mit dunklen Vorhängen das natürliche Licht ab. Hiddesen bleibt draußen und drinnen beginnt das Theater mit buntem Scheinwerferlicht und einem mit schwerem, roten Samt abgedeckten Podest zu leben. Einfache Bewegungsspiele bringen Alba, Arianna, Amelie, Gunda, Annika und Anamaria schnell auf Improvisationstemperatur. Später sitzen. die Mädchen als Hexen, Zwerge oder Eichhörnchen im Kreis. Alba hält eine plüschige Schatzschatulle in den Händen, und Arianna, die schlaff alle Glieder hängen lässt, fragt in unendlicher Schläfrigkeit: "Gibst du mir bitte den Schatz?" Die Sechsjährige hat dem Begriff "schläfrig", der auf Mavis Karte steht, einen Ausdruck gegeben. Amelie fragt "zornig" um den, Schatz, und Gunda belebt das Wort "geizig“. Immer wieder inspiriert Mavi Cubas die Mädchen, die in den anderthalb Stunden die Grenzen ihrer Mimik, Gestik und Sprache anscheinend mit einer Leichtigkeit ausweiten, als bliesen sie einen Luftballon auf. Einzelne Worte der 43jährigen werden zu Funken inmitten explosiver Wandlungsfähigkeit und der "Meister Jakob" erfährt in den zarten Mädchenkehlen die Metamorphose vom geschmetterten Marschlied über glockenreinen Schmetterlingsgesang bis zum spitzen Mäusefiepen. Die Mädchen trauen sich mehr und mehr. Amelie sagt irgendwann, dass sie Schauspielerin werden wolle. Ihre Mitspielerinnen sind noch unschlüssig, doch auch bei ihnen hat das Theater längst begonnen zu wirken.
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